«Aufbau des privaten Sparkapitals ist zentral»

Welche Möglichkeiten gibt es, persönlich für das Alter vorzusorgen?

Johanna Heeb: An erster Stelle sollte sichergestellt werden, dass in der AHV keine grossen Lücken bestehen. Berufstätige haben des Weiteren in der 2. Säule die Möglichkeit, jährlich freiwillige Einkäufe in die Pensionskasse zu tätigen. Diese Einkäufe sind individuell bis zu einem Maximalbetrag steuerlich abzugsfähig. Ob ein Einkauf in die Pensionskasse Sinn ergibt, hängt jedoch von verschiedensten Faktoren wie der finanziellen Situation oder dem Alter ab. Die dritte Möglichkeit, das «private Sparen» bzw. die sogenannte dritte Säule ist in Liechtenstein nicht gesetzlich geregelt. Trotzdem sollte gerade dieser Bereich nicht vernachlässigt werden und einen gezielten Vermögensaufbau zum Ziel haben. Sich persönlich um die finanzielle Vorsorge im Alter zu kümmern, ist ratsam und sollte auch nicht zu spät erfolgen. Das Erstellen eines Finanzplans, welcher auch die persönliche Situation und Möglichkeiten berücksichtigt, kann sich als hilfreich erweisen. Auch Bereiche wie Immobilien und damit verbundene Hypotheken etc. sollten in eine solche Betrachtung miteinfliessen.


«Zahlen sie so viel wie möglich in die dritte Säule ein»: Ist das die oberste Maxime?

Ein solche Aussage klammert die holistische und individuelle Betrachtung der jeweiligen Situation einer jeden Person aus. Daher würde ich eine solch allgemeine Aussage nicht bekräftigen. Den Aufbau des privaten Sparkapitals erachte ich jedoch als zentral. Aufgrund der beschriebenen Herausforderungen ist eher mit sinkenden Leistungen (aus der 1. und 2. Säule) für die zukünftigen Generationen zu rechnen. Reichen die Renten also nicht aus, um die voraussichtlichen Ausgaben im Alter zu decken, sollte man genügend Vermögen angespart haben, welches nach der Pensionierung schrittweise aufgebraucht werden kann.


«Es sollte ein Anreiz geschaffen werden, für das Pensionsalter vorzusorgen.»


Wer bietet Lösungen für eine dritte Säule im Land an?

Ein vergleichbares Modell zum Sparen in der 3. Säule, wie es in der Schweiz üblich ist, der sogenannten Säule 3a, kennen wir in Liechtenstein aktuell nicht. Das Schweizer Modell wird steuerlich begünstigt, kommt aber auch mit Auflagen daher, bezüglich der Veranlagung des Kapitals und insbesondere, was den Kapitalbezug betrifft. In Liechtenstein bieten die meisten Banken und auch Versicherer Lösungen zum «privaten Sparen» an. Konkrete Vorgaben, wie dies in der Schweiz der Fall ist, aber auch eine Steuervergünstigung gibt es in Liechtenstein nicht.


Und sollte ich lieber zu einer Bank als zu einem Versicherer gehen?

Das hängt von der individuellen Präferenz ab. Ob Bank oder Versicherung, wichtig erscheint mir, dass Anleger und Anlegerinnen vor Vertragsabschluss die gewählten Lösungen gut überprüfen und sich vertieft Gedanken machen, ob das gewählte Modell ihren Bedürfnissen entspricht. Besonderes Augenmerk sollte auch auf die Gebühren gelegt werden, da diese je nach Anlagelösung stark variieren. Tiefere Gebühren wirken sich erheblich auf die Höhe des Guthabens im Alter aus.


Würden Sie sich dafür aussprechen, dass es eine dritte Säule nach Schweizer Vorbild für Liechtenstein gibt, die steuerbegünstigt ist?

Persönlich bin ich der Meinung, dass definitiv ein Anreiz geschaffen werden sollte, damit die Menschen für ihr Pensionsalter selber vorsorgen. Der steuerliche Vorteil, den Sie ansprechen, besteht wie eingangs bereits erwähnt, auch beim Einkauf in die 2. Säule. Gleichwohl würde ich ein liechtensteinisches 3.-Säule-Modell befürworten, da ich insgesamt der Meinung bin, ein Steuersystem sollte das Ansparen von Vermögen nicht bestrafen, sondern fördern. Massgeschneiderte Lösungen von Banken und Versicherern mit attraktiven Kostenstrukturen für die Anleger und genügend Flexibilität wären dann wünschenswert.


Zur Person

Im Jahr 2020 gründete Johanna Heeb die Dorata Finance AG mit Sitz in Schaan, als deren Geschäftsführerin sie seither agiert. Das Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bern schloss sie 2009 mit einem Master of Science in Business Administration ab. Des Weiteren absolvierte Heeb von 2014 bis 2015 die Prüfung zum Chartered Alternative Investment Analyst. Sie war jahrelang für renommierte Vermögensverwaltungen in Zürich tätig.


Quelle: Wirtschaft regional Liechtenstein, 04.06.2021

Interview: Dorothea Alber


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